08-11-05

das einzige bild mit jägers stuhlsnusk burk bei dem, was er am besten kann

die wildschweinsuhle mit dem restschneefeld hatte zwar kein wasser aber dafür zwei hochsitze die sich an ihren am weitesten voneinander entfernten enden direkt gegenüberstehen – gut 50meter luftlinie. gern stelle ich mir einen jagdansitz auf beiden gleichzeitig vor…jedenfalls standen vor dem einen zwei stühle, beine in die luft, von denen ich mir einen vor´s zelt gestellt habe. so war dieser morgen der erste dieser reise, an dem es einfach war, meine schuhe anzuziehen. so´n ischias is´ schon was blödes. erstaunlicherweise hab´ ich damit keine probleme, wenn ich den rucksack aufhab´ und eiswege laufe…
genau das wollten wir heute ein wenig früher machen, als an den letzten tagen und fanden es deshalb gestern auch nicht schlimm, ohne feuer zeitiger in die schlafsäcke zu kommen. aber wie das nun mal so ist: früher wurde natürlich nischt!: es ist wieder ca. halb10, als wir den morgenkaffe trinken und den zahn putzen.
mich drückt der lehm! gestern abend sind wir eigentlich nur an dieser stelle hier gelandet, weil der franz seinen darm unbedingt und alles egal! und sofort! entleeren musste und darum rät er mir: “geh´ma nich davorne zu dem baum” und zeigt in die von mir favorisierte richtung “da war ich gestern!”
also ein anderer baum.
als ich zurückkomme fragt franz: “hast du den kessel und die tassen gesehen, die da rumliegen? genau so einen kessel will ich über meinem feuer hängen haben, wenn ich dann in meiner waldhütte wohne! genau soeinen! und hätte ich die tassen vor ein paar jahren gefunden, hätte ich mir sofort eine mitgenommen!”
“ne, ich hab nichts gesehen, wo denn?” “na da vorne bei der panzerkuhle” “hab´ ich auch nich´ gesehen.” und wir gehen zusammen los und suchen. und finden ein mit beton ausgekleidetes rechteckiges loch in den dimensionen eines lkw´s in den waldboden gebaut. man sieht deutlich, dass dieser bau schon vor langerzeit stattgefunden hat, er ist stark bewachsen, aber der beton fast unversehrt, moos drauf und ein paar ecken abgeplatzt. “wer macht denn sowas?” “die russen. die ha´m da ´n panzer getarnt!” “so massiv?” “offensichtlich”.
man trifft oft auf russenreste in mecklenburger wäldern, aber selten sind die so lebendig erhalten, wie hier stelle ich fest, als wir den kessel und seine tassen wiederfinden: es ist ein grosser, wohl 5liter fassender massiver stahlkessel, völlig intakt, nur von der zeit bemalt. und daneben liegen vier emaillierte tassen, ebenso gut erhalten. ich kann nicht glauben, dass die seit 70jahren hier liegen sollen! ich hebe eine auf und lese auf ihrem boden russische buchstaben! geschichten bilden sich im kopp: die panzerbesatzung liegt hier in stellung und wartet seit tagen auf irgendwas, passiert aber nix. sie trinken ihren kaffe oder wodka oder beides als aus heiterem himmel der abzugsbefehl kommt, und sie alles liegen lassen und sofort los müssen. oder eine granate trifft ihr gefährt und sie enden hier am see…
“quatsch, das war ’89, das war´n ddrrussen!”
achso, aber trotzdem ist der kessel gut erhalten! sind ja nu´auch schon bald dreissich jahre!
aber so´ne tasse könnte man ja trotzdem mitnehmen..”eigentlich schon, is´ aber nur ballast”
wir setzen uns wieder auf unsere sitze und ich freue mich schon wieder über des jägers stuhl…als franz plötzlich “shaga!” ruft und völlig erregt alles vergisst und auf eine tote birke zuspringt, die unserem lager im sommer schatten spenden könnte, wenn sie denn noch könnte…und nicht tot wäre und das lager noch da. “shaga!” und zieht seine säge aus dem rucksack. sein ziel ist ein ca. dreissig centimeter durchmesser schwarzer runzelklumpen, der aus besagter birke wie ein furunkel rausgeeitert scheint. “shaga!” und sägt ihn ab.
indertat hat er einen pilz der auf deutsch schillerporling heisst und hierzulande nicht grade häufig ist gefunden.
ein hauptsächlich in sibirien und lappland wachsendes seit jahrhunderten beliebtes allheilmittel. selten habe ich einen so begeisterten franz gesehen: “ich will den schon seit jahren mal finden, hab´s aber noch nie geschafft!” “und hier wächst er vor meiner nase!, phantastisch!” das ding wiegt gut zwei kilo und ist ein ziemlich grosser klumpen: “ich hab´ für sowas immer ein sammelnetz dabei!” “alles, was verwertbar in der natur zu finden ist, sollte eingesammelt werden. irgendwann braucht man´s.”
ob dieses fundes ziemlich euphorisch brechen wir gegen 11 richtung crivitz auf: rumkaufen! mit zwei kilo zusatzlast im sammelnetz.

wieder auf dem hauptweg fotografiere ich noch ein bild zurück auf unsern lagerplatz mit dem anhänger voll stroh, den ich gestern noch überlegt habe, zu plündern um einen teil seiner ladung unter meinen gutfeuchten schlafsack zum aussaugen zu verteilen (“hä? glaubst du, dass das trockener ist als deine penntüte?”…) als ich erschrecke weil von hinten eine stimme ruft: “nicht erschrecken!”:
ein wandererpärchen rennt an uns vorbei, hat aber nette worte für uns: ” wo wollt ihr denn hin?”
“na jetzt erstmal nach crivitz”
“ja, das ist davorne links”
“links?” wir wissen, dass wir geradeaus müssen
“ja, da kommt ihr dann auf die strasse, und dann ist ausgeschildert.”
“wir wollen aber nicht auf der strasse lang, wir wollen waldwege.”
“waldwege…ach ja, da kann man gradeaus, glaub ´ ich, weiss ich aber nicht genau…” “aber eigentlich müsst ihr nach links!”
autofahrer eben, wanderer, die im gutshaus am see quartier bezogen haben, mit blick auf ihr auto…und den see.
aber für wanderer sind die vielzuschnell.
“na dann, viel spass noch…”
es ist ein schöner wenigeisweg, den wir jetzt gehen: starke eichen an seinen rändern, ein alter weg am waldrand.
im unterholz hängt ein kaffebecher, elegant in kleine äste geschmissen und man fragt sich: wo kommt der her?
so einen kaffebecher kauft man an einer tankstelle und dann schleppt man den bis hierher und dann ist er leer und plötzlich zu schwer, um ihn weiterzutragen? “So einen wollen Sie doch auch”!

shaga! ein schillerporlingheuwagenheuwagen02weg damit!

an der kreuzung, an der wir nach links zur strasse hätten abbiegen müssen, gehen wir einfach gradeaus weiter, frech, wie wir sind.
und sind dann am militzsee. und fragen uns: hat das was mit polizei zutun?

es ist jedenfalls keine da, der see hat einen feinen weg an seinem ostufer mit bänken und mülltüten und erfreut uns ausserdem noch mit eis und sonne und einem von einem uferbaum hängendendem seil, dass jugendliche springer erhoffen lässt. ein schöner see.

waldrandwegfrech gradeaus!das eis ist festmilitzseewegmilitzseeseil im gegenlichtmilitzsee02zwei alte säcke

der weg an seinem ufer trifft dann auf einen asphaltenen wichtigen, bietet aber noch die alternative eines älteren, selten benutzten gradeaus. natürlich nehmen wir den. unerwartet zeigt sich eine schutzhütte mit ordentlich holz vor ihr am kaum benutzten weg. “wenn wir nicht nach crivitz wollten, würde ich den unterstand hier echt zum lager nehmen: zwar dicht beim ort, aber trotzdem nicht zu sehen, altes holz vor der tür und überdacht!”
seit jahren war hier nichtmalmehr die dorfjugend zum jointrauchen! schöner ort! aber wir brauchen rum und müssen nach crivitz und gehen vorbei zum asphaltenen stadtzubringer.

ordentlich holz vor der hüttehier geht selten jemand langunscharfer asphalt bis crivitzcrivitz city

am vierten tag relativer zivilisationslosigkeit sind die menschenmassen, die wir jetzt auf dem weg in die grosse stadt in ihren autos sehen und hören ziemlich nervend. wir brauchen ein wenig zeit, um uns wieder daran zu gewöhnen. ein porreefeld am strassenrand hilft dabei. ich habe vorher noch nie eins gesehen, und schon gar nicht gerochen: das ist sehr angenehm! und lässt die zivilisation ein wenig zivilisierter erscheinen…
ca. 20 fahrzeuge treffen wir auf den 1,5 kilometern bis in die stadt. und kaufen dann in deren zentrum wasser für die letzen beiden tage. und rum für die letzten drei nächte. im supermarkt läuft radio und die spielen da den neuesten song von david bowie, klingt nicht schlecht, und dann sagt der radiosprecher, dass der macher zwei tage nach der veröffentlichung dieses liedes gestorben ist! und mir fällt fast der rum aus der hand: david bowie tot! und letzte woche lemmy! und ich spüre plötzlich wieder sehr deutlich mein ischias und fühle mich ganz schlapp…

auf dem weg raus aus der stadt stolpern wir über eine bushaltestelle mit aktuellem fahrplan der besagt, dass in ´ner dreiviertelstunde ein bus über barnin nach demen fährt. voll unsere richtung! das war ja von mir heimlich sowieso geplant, dass wir aus der stadt raus mit´m bus fahren: möglichst schnell wieder weg! und erfahrungen zeigen, dass manche orte sich ewig ziehen…da noch ein autohaus vor die stadt gestellt und da noch ´n einkaufszentrum oder eine eliteschule…
nun, in crivitz waren diese befürchtungen unberechtigt, aber das weiss man ja vorher nicht! jedenfalls dachte ich mir im vorfeld dieser reise, dass barnin ein guter ort wäre, um aus einem bus zu steigen: nur um den barniner see rum und dann neben der warnow (die fliesst dadurch und kommt zweimeterbreit am ende raus) weiterlaufen. aber franz sagt nach einem blick auf die karte: “na dann lass uns nach demen fahren, dann sind wir gleich in diesem geilen wald bis weitendorf und könn´da kreuzundquer durchlaufen…”…
und das war ´ne richtig gute idee! die busfahrt gehört mit zu den besten, die ich jemals gemacht habe! luftlinie 8 (acht!) kilometer fährt der bus knapp 50minuten. erstmal macht er eine unglaubliche rundreise durch crivitz, von schule zu schule zu schule und dann fährt er die dort eingesammelten schüler, meist ziemlich junge, zu ihren umlandigen wohnorten. und lässt kein dorf aus! barnin, wessin, bülow, radepohl, runow…und wie sie alle heissen. franz nutzt die zeit zum schlafen, ich allerdings presse mich an das busfenster neben meinem sitz und sauge diesen mir bis jetzt unbekannten teil von mecklenburg in mich ein: wat geile gegend, wat geile dörfer! fast kein neubau, keine sattelitensiedlungen am rand! viele häuser zu verkaufen, katzen auf den strassen und busanbellende hunde an fetten ketten! wie früher! und das alles in weichen hügeln und knorrigen wäldern und im diesigen licht dieses wintertages: grandios!
und auch der busfahrer ist ein sehr angenehmer: beim einsteigen: “moin, könn´se hinten aufmachen, dass wir erstmal die säcke reinstellen können, wir komm´n dann bezahlen?” “ja, is´ wohl besser so.” “wo wollt ihr denn hin?” “nach demen” “und denn in´ wald, wa?” “ja, ´n bischen wandern.” “wisst ihr denn, wo ihr da raus wollt, in demen?” “nö, wir war´n da noch nie.” “na dann lass ich euch an der wendeschleife raus, ich sag dann bescheid..”
die kleinen schüler, die er in crivitz einsammelt kennen ihn und freuen sich sichtlich, dass er heute den bus fährt und texten ihn völlig zu. und er freut sich darüber und textet zurück und hat sichtlich spass dabei. und schimpft:” jungs, bleibt auf euren sitzen! sonst muss ich euch rauswerfen!” “wieso?” “weil kinder auf ihren sitzen sitzenbleiben müssen!” “warum?” “weil ich das sage?”
ein kleiner junge, der alleine sitzt, steht kurz vor seiner zielhaltestelle auf und stellt sich vor die hintere bustür. der busfahrer fährt an seiner haltestelle vorbei weil er grade mit drei anderen jungs über ihre weihnachtsgeschenke streitet, sieht ihn dann aber in seinem rückspiegel, bremst und entlässt ihn an unwegsamer stelle aus seinem bus. “tschuldigung”; der junge läuft querfeldein und findet seinen weg, sehe ich aus meinem fenster.
demen hat einen kreisverkehr, also so eine runde kreuzung. der bus fährt 3uhr aus ihr heraus und ist wenig später an seinem ziel: wendestelle demen. der fahrer steigt aus und zündet sich eine zigarette an. “na jungs, wisst ihr wo´s weitergeht?” “nich´ wirklich, aber wir haben ja einen kompass.” ” hab´ ich mir gedacht – ich verrat nichts!”
bis heute weiss ich nicht, was er hätte verraten können, und da er´s nicht getan hat, werd´ ich´s auch nicht erfahren.
ich frag franz: “wo geht´s weiter?” “na, ich denk´ mal am kreisverkehr gradeaus.” und so machen wir das denn auch: zurück zum kreisverkehr und dann 12uhr weiter. also aus unserer perspektive eigentlich wieder 3uhr.

wir sind jetzt auf einem direkten weg nach weitendorf. ich wundere mich nur, dass er asphaltiert ist: an seinem anderen ende bin ich schon oft auf ihm gewandert – und da ist er ein richtiger feldweg: “demen ?km” steht auf einem schild an seinem dortseitigem beginn.
es ist schon halb sechs und ziemlich dunkel. wir laufen den (komischerweise scheisseglatten…) asphalt ein stück in den wald und verkriechen uns dann östlich von ihm in den. ein stolpriger pfad ohne weg durch maschinenverwüstetes baumland bringt uns irgendwann an den punkt, an dem wir unser lager bauen.
inzwischen ist es stockdunkel. mit stirnlampe finde ich meine beiden bäume und mache alles genauso, wie in den letzten nächten auch. franz dagegen verblüfft indem er seine plane zum zelt macht.

wildschweine haben hier gewaltige erdarbeiten durchgeführt: metertiefe löcher um die wurzeln umgestürzter bäume gegraben und dabei ebenso hohe wälle drumherum aufgehäuft.das erleichtert uns die wahl des feuerplatzes: auf dem wall, auf sand.

und schwupps! brennt es schon.
ehrlich gesagt war es heute etwas schwierig, unser rundherum gesammeltes holz zum brennen zu bringen. alles ganz schön nass! auch die sonst immer gut funktionierenden abgestorbenen ästereste am stamm grosser nadelbäume wollen nicht so richtig feuer fassen. aber franz hat ja seine trickkiste! und da holt er in wachs getränkte wattepads (so´ne kosmetikdinger zum abschminken oder gesichtputzen oder so) und klopapierrollenpappe, mit zunder (getrocknete rohrkolben, gräser etc.) gefüllt und mit wachs verschlossen, raus. und da hat dann auch das nasseste holz keine chance mehr, nicht zu brennen.

wie immer wird es ein feines feuer das uns wärmt und unser wasser kocht.
in der lagerfeuerphilosophiestunde erörtern wir heute unter anderem die frage wie man denn am besten stürzt, wenn man mit dem schweren rucksack auf einem vereisten weg ausrutscht. ich favorisiere ja die spagat-variante, also man rutscht nach vorne weg und wird vom sackgewicht nach unten gedrückt ein bein lang nach vorne, das andere nach hinten, franz legt sich da nicht so fest, ist sich aber sicher, dass egal wie man fällt auf jeden fall was bricht im alten mann. wir kommen zu keinem eindeutigen ergebnis und warten auf learning by doing…
aber manche fragen müssen vielleicht auch nicht beantwortet werden.

und dann wieder so ein moment: zum holzsammeln entferne ich mich soweit vom feuer, dass es nicht mehr zu sehen ist. meine stirnlampe und eine ganzfeine verschwommene mondsichel, die zwischen baumsilhouetten erahnbar ist beleuchten die szenerie.im lampenlichtkegel schwirren dunstlinien waagerecht und verwischen sich mit meinem kälteatemgrau. der feine dunst verdichtet sich optisch in die ferne in gleichem masse, wie das lampenlicht dorthin schwächer wird. gespenstisch könnte man dazu sagen, oder wunderschön, was ich treffender finde. es ist absolut still, kein geräusch, bis doch tatsächlich ein kauz zu rufen anfängt! ich stehe eine ganze weile und geniesse, lasse den lampenlichtkegel langsam in die runde leuchten und kann nicht verstehen, dass irgendwer sowas nicht erleben will!

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