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karstädt – wittenberge: wegen gabi

(begangen am 16.11.20,                          )

ein freier tag nach einer spätschicht…ich habe grosse lust, meine strangwanderung fortzusetzen, also von karstädt nach wittenberge zu wandern. aber ich müsste ziemlich früh los und bin erst halb12 in der zweitwohnung, packe meine sachen, trinke 3 feierabendbiere, stelle meinen wecker auf 6uhr und bin um halb2 im bett.
als das weckgerät sich meldet bin ich ziemlich müde und denke mir, dass heute ein freier tag ist den man ausschlafen und faulenzen kann, ein tag, an dem man nicht vormittags aufstehen muss. aber ich will ja nach wittenberge…aber ich muss ja nich…
gähnend denke ich mir, dass ich meine aufsteh-oder-nich-entscheidung vom personal des auserkorenen zubringerzuges abhängig mache und befrage mein diensttelefon nach ebendiesem. und nach seiner antwort steh ich ganzdoll vorfreudig auf…

am 1.dezember 2018 hatte ich nach bestandener ausbildung meine allererste alleinfahrt mit meinem arbeitsgerät morgens um 5 von nauen nach cottbus, also gleich die volle dröhnung durch die hauptstadt…und war total aufgeregt und hibbelig und nervös und panisch und …

…und war total stolz auf mich, als ich in königs-wusterhausen angekommen bin und vor einem halt zeigenden signal am bahnsteig vorschriftsmässig zum stehen komme.
und dann meldet sich der fahrdienstleiter: “so, das war´s jetz für dich, hier ist ersmal schluss mit deiner fahrt!”
und ich bin völlig entsetzt am zittern in panik…”wieso?” was hab ich falsch gemacht?

“wieso? kuckst du keine nachrichten? die fahrdienstleiter streiken!”

nein, ich kucke keine nachrichten, generell nicht, aber am tag vor meiner ersten alleinfahrt noch viel weniger: nix weiss ich von streiks!

am bahnsteig da in kw stehen wohl hundert leute, viele davon kucken offensichtlich auch keine nachrichten und wissen nichts davon, dass sie heute nicht wie gewohnt zur arbeit kommen werden und sind dementsprechend angepisst, viele andere aber sind offenbar informiert, aber trotzdem da. und recht entspannt. finde ich ein wenig eigenartig.
ich öffne instinktiv fenster und tür meines führerstandes für fragen der reisenden, obwohl ich keine antworten habe ausser:”ich weiss auch nichts genaues”…
in meinem spiegel sehe ich meine zugbegleiterin, die sich fröhlich lächelnd blond den reisewilligen stellt,fragen beantwortet, verspätungsscheine ausfüllt, ruhe ausstrahlt, ruhe bewahrt und im bahnhofsshop kaffe kauft und mir bringt!: “zur beruhigung”. gabi.

und genau die begleitet heute 63970, den zug, der um 07:40 mich von wismar nach karstädt bringt. riesengross ist die begrüssungsfreude! eine ganz besondere lieblingskollegin.

um 08:50 bin ich da und winke schön, dann gehe ich unterm bahnhof durch auf die “Strasse des Friedens” (was für ein wunderbarer name, alt, überholt und nicht mehr uptodate, vergangen, aber immernoch da! hurra!), und biege dann ab in die “Marktpassage”, eine strasse, die hier ins alte nichts hingebaut ein einkaufsareal bedient, das hier ins alte ein neues nichts geworden ist. “penny” und “kick” sind noch da, und “schlecker” steht über einem der vielen nichtbenutzen marktpassagenhoffnungen, bekanntlich pleite seit 2012…
am ende dieses neu-karstädt gibt es einen pfad zurück zur bahntrasse, und da bin ich jetzt endlich und beginne meine wanderung in wunderbarer herbstfrühsonne über treckerspuriges abgeerntetes feld.

die tour heute ist knapp 18km lang und geografisch recht eintönig: die strecke führt schnurgeradeaus völlig eben vom start zum ziel. karstädts bahnhof liegt im streckenkilometer 144,4, der in wittenberge in 126,8. bis zum bahnsteiglosen bahnhof dergenthin im streckenkilometer 137 wandere ich links, danach rechts vom strang ohne grosse abweichungen immer ziemlich dicht am selben lang. das spannende an dieser tour ist die tatsache, dass nur ca. die hälfte der strecke auf wegen begehbar ist, der rest führt mich weglos über landwirtschaftliche nutzflächen und ein wenig auch über scheinbar komerziell uniteressantes mehr oder weniger sich selbst überlassenes niemandsland, von dem ich aber weiss, dass es sowas ja heute gar nicht mehr gibt…

auf den ersten wirklichen weg treffe ich nach 6km, vorher finde ich ein paar fragmente ehemals wohl wichtiger, jetzt aber kaum noch vorhandene, die in ihrer vergehung aber einige schöne motive in die neumoderne landwirtschaftslandschaft malen, zumal im heutelicht:
es ist herbst, richtiger herbst. schon seit tagen regnet es immer mal wieder ein wenig, nie richtig doll, aber doch recht häufig. das land ist wassernass, aber dank der letzten trockenjahre nur oberflächig und deshalb leicht begehbar: der schuh sinkt nur selten ein ins ackerland und matscht nur selten durch pfützen. die schuhe werden zwar nass wenn ich durch winter- oder zwischenfruchtbestellte felder stapfe, aber niemals so, dass auch die socke was abkriegt vom saft des lebens.
direkt an gleises rand, am damm der bahn, ist meist ein streifen buschland geblieben zum feld, an dem ich erstmal so dicht, wie möglich entlang mich bewege bis ein von mir erschreckter rehbock daraus hervorbricht und fast um mich rennt. darum laufe ich von da an immer so 50 bis hundertmeter vom bahndamm entfernt übers feld um dem wild in seiner panik nicht den weg aufs gleis als einzigen fluchtweg erscheinen zu lassen.

einer der für diese landschaft typischen entwässernden gräben tut sich vor mir auf, nur schmal, aber für den alten mann mit rucksack denn doch zu breit zum überspringen. er entwässert unterm bahndamm durch und hat unüblich für solche bauwerke wohl niemanden, der sich darum kümmert: normalerweise ist die bahnbrücke über solche gräben immer gut gepflegt und die vegetation so zurückgeschnitten, dass leichtes überqueren des wasserlaufs möglich ist. nicht so hier: der übergang ist extrem verwuchert und verbrombeert verdornt und piekt ordentlich und macht blutige hände. herrlich! weh muss es tun!
scherz.
nach gewonnenem brückenkampf finde ich mich dann im vorhin schon erwähnten vegetationsstreifen zwischen bahn und feld und muss feststellen, dass dieser dornig wie die brücke ziemlich unbegehbar ist, vom überquerten graben rechtwinklig ein zweiter zwischen bahndamm und feld sich abgezweigt hat und das feld einen uralten stacheldrahtzaun an seinem rand am graben hat. das ist jetzt echt spannend!
jetzt muss er doch springen, der alte mann!
is aber nich wirklich ein problem, der abzweigende wasserlauf ist deutlich schmaler als der grade überbrückte, aber der stacheldraht ist trotz seines alters und offensichtlicher unnötigkeit doch ein wenig fordernd, weil immernoch prima intakt gespannt.
weit spreizen muss der alte mann sein bein, hoch heben, um darüberzukommen…aber er schafft es! und ist sehr stolz auf seine sportliche leistung und bleibt nicht hängen im schritt.
puuhhh! glück gehabt!
nur ein paar 10meter später bleib ich irritiert stehen: an dieser stelle ist der stacheldraht zerschnitten und an einem ast an einem baum am zaun hängt ein gelber helm!
es ist ein in meiner jugend integralhelm genannter, seinem innenleben beraubter plastikgegossener kopfschutz.
unweigerlich kommen mir immer akzeptierte, nie hinterfragte arbeitsschutzbestimmungen in den sinn…aber ein schutzhelm zum überqueren eines zerschnittenen zauns? und: wer war der arbeitsschutzverantwortliche, der den hier hingehängt hat? hingehangen hat?

am ende dieses stacheldraht- und helmgeschützten feldes steht ein haus ganz dicht am strang im km 141,4, ganz allein und dunkelrot. ich glaube, es ist schön und lebt sich gut in ihm…aber niemand ist da, den ich fragen könnte, ob das wirklich so ist.
jedoch eines der vorhin schon erwähnten ungenutzten wegfragmente wegt von da so schön von meinem direkten weg ab, dass ich ihm folge und nach paar100metern viel fotografiert habend vor einem zaun kapitulierend wieder übers feld zum strang mich freudig wende und dabei noch ein paar wasserstellen unerwartet in mein objektiv mir hole.

stapf stapf übers feld. alle paarhundertmeter treffe ich auf feldraine, wohl alte baüerliche territorialgrenzen. heute wichtige windbrecher. gut, dass die noch da sind. es ist leicht, da durchzubrechen: nur leichtes buschwerk und birkenwuchs.
nur der letzte ist ein wenig schwieriger: weissdornhecken! und viel breiter, als die vorherigen. (aber das weiss ich ja noch nicht, als ich mir bei der penetration blutige finger und wangen erkämpfe).
so ziemlich in der mitte dieses 50meter-rains liegt ein alter findling, ein eiszeitstein, und viele schon lang genutzte wildpfade treffen sich genau da. und wiedermal weiss ich nicht, was das bedeutet, was ich davon halten soll…
und freue mich sehr über so ein nachdenkobjekt…

jo, dann bin ich also nach 6km auf meinem ersten festen weg. und der bringt mich nach dergenthin und zur brücke über die bahn. bin ich mir ziemlich sicher. jedoch täusche ich mich: wohl bringt der weg mich zum bahnsteiglosen bahnhof, aber nicht zur brücke:
es ist nicht mehr zu erkennen, ob dergenthin mal ein ort war, an dem personenzüge hielten und leute einsteigen konnten in die eisenbahn, heute jedenfalls geht das nicht, nur zwei ausweichgleise zum überholen sind heute da und eine zuwegung, die recht gut ausgebaut zum bahnhofsanfang führt, dann aber vom strang wegzweigt. doch durch den wald am linken rand des bahnhofs einen kleinen hoffnungsvollen weg dem wanderer lässt, der aber am ende des waldes, ca, auf halber bahnhofslänge in wiese verschwindet. deutlich kann man an der wiesenvegetation noch erkennen, dass der weg mal weiterführte , aber vorhanden ist er nicht mehr. und läuft sich sehr bescheiden bis zur brücke.
aber wenigstens hat die eine treppe, wenn auch eine nicht gepflegte und stark bewachsene…aber begehbare…also gute.
l12 heisst die strasse, auf der ich jetzt die bahn überquere und ab da dann rechts vom strang unterwegs bin, wieder eine nicht wirklich gute treppe absteigend, also eine, die mir richtig gefällt
nette ruinen gibt es hier an der brücke, aber auch bewohntes. und auch einen erstmal waldenen weg, ca. 100m vom strang entfernt. auch der entfernt sich irgendwann von meinen reiseplänen, verzweigt sich aber vorher noch sehr fotogen in einen kleineren zu einem feld und verschwindet dann in dem, wie so oft…
doch es läuft sich gut auch auf dem feld am vegetationsstreifen am gleisrand entlang.
als das feld sich wiedermal vor einem waldstück rundet stelle ich hocherfreut fest, dass es das tut, weil im baumbestand ein kleines moor dem urbauern diesen feldverlauf aufgezwungen hat.
eine alte hölzerne schranke zeigt mir jedoch, dass ein weg mal weiterführte dort am strang entlang, am moor vorbei, durch den wald. das muss vor langer zeit gewesen sein, denn es ist nicht leicht, den resten dieses weges zu folgen: sehr stark hat der wald und seine nichtbenutzung gelebt. aber ich finde stolz den pfad durch das waldfragment und bin danach dann wieder weglos…hurra!

ein kleines wasserloch am strangrand bietet wunderbares motiv mit der bahn im hintergrund und ich warte lange zeit auf diese, um das foto zu machen. jedoch, ihr ahnt es schon, es kam kein zug. wohl ne halbe stunde lang nicht! hauptstrecke hamburg-berlin! und kurz danach (nachdem ich meinen fotoansitz verlassen und vier züge vorbeigefahren sind) schon wieder so ein fotoplatz: ein ehemaliger bahnübergang, zurückgebaut an einem waldweg, so unbedeutend, dass keinerlei sicherungsmassnahmen nötig schienen den verantwortlichen, einfach ein waldweg mit schienen auf einem hügel mitten im wald. wunderbares motiv! aber auch da, ihr ahnt es schon wieder, kam keiner, bis ich weg war….

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