WSLT-WLOW

holthusen – sülstorf – rastow – lüblow: zwei tage beim weissen hirsch


tag 2: sülstorf – rastow – lüblow

(begangen am 28.3.20,                          )
um 05:11 die schicht begonnen habe ich meinen zug pünktlich um 12:37uhr in den feierabend gestellt und tausche dienst- gegen wanderklamotten in meinem führerstand und lasse mich mit gleichem gefährt vom kollegen um 13:24 nach rastow fahren. um 14:15 uhr bin ich da und steige aus und gehe los.
im wanderrucksack das selbe wie gestern aber an den füssen nicht die wander- sondern die arbeitsschuhe. nicht gut! aber zum schichtbeginn heute früh hat die routine gewonnen gegen die logik…morgens um vier kann das schon mal passieren. aber wie gesagt: nicht gut!
an sülstorfs weltkriegsgedenkstätte vorbei nehme ich erstmal den selben weg wie gestern. bis zum bahnübergang, da wechsle ich die wanderseite über selbigen und bin nun rechts vom strang am wandern. auch hier gibt es einen weg. der führt mich ein wenig länger als gestern baumlos an einen feldrand lang und macht einen kleinen schlenker vom schienenweg weg bevor er zum waldweg wird. im gegensatz zum gestrigen erlebnis habe ich jetzt also bäume links und rechts von mir. auch das wetter ist fast vortagsmässig, nur ein klein wenig windiger. wieder wandere ich im t-shirt. sehr schön!

nach dem schlenker ist dann vom mehrwind nix mehr zu merken. aber die schuhe scheuern! eine pause leg ich ein um die socken auszuziehen und die schnürsenkel zu lockern, wohl wissend, dass das völlig falsch ist! aber die füsse schwitzen irre in den falschen schuhen und schreien nach luft…rieche ich.
aber trotzegal bin ich auf einem wunderbaren trip und genoesse eine wunderbar fussegale warme endemärzruhe… wenn denn das gebiet nicht so munitionsbelastet wäre!
wie der eigentümer des selben mir auf seinen zahlreich an weges rand aufgestellten schildern schildert. ich erwarte ständig explodierende rehe, die auf alte russische landminen treten und blindgänger, die durch diese herrliche märzsonne einfach so erhitzt laut knallend in meinen wanderweg bersten…
aber nix passiert!
oder vielleicht will der eigentümer auch nur verhindern, dass jemand sein eigentum betritt? funktioniert auf diese art bestimmt.
fakt ist, dass der russische soldat in diesem gebiet viele jahre lang sein unwesen getrieben hat und die komplette durchsuchung nach und die sicherung vor seinen hinterlassenschaften noch viele jahre dauern wird. und somit sind diese schilder wohl legitim. böse ist, wer sie zerstört!
und dann bin ich wieder an diesem einzigen haus am weg (manche leute wohnen echt spanned!) und bald darauf an der brücke über die eisenbahn, die ich gestern schon illegal unterqueren musste. und heute schon wieder! auch hier zweigt der weg 90grad ab von meinem. neben der brücke gibt es eine treppe zum ersteigen und überwinden ihrer höhen aber ich unterwandere sie lieber…ich bin wohl ein rebell!

ein rebell im falschen schuhwerk.
hinterbrückig muss ich pausieren, den ü40-hocker auspacken und mich auf ihn setzen, schuhe ausziehen!
und die blasen an beiden fersen an die luft lassen. dabei reisse ich ein wenig am schuh klebende haut vom fuss…nich schön. aber so is leben.
und während ich da so sitze und hadere fährt kollegenzug richtung wismar vorbei.
was bedeutet, dass in knapp zwei stunden mein angepeilter heimreisezug in lüblow losfährt. ich bin gut in der zeit und kurz vor rastow.
da geh ich denn jetzt hin: erst kommt ein wenig pferdekoppel, dann ein klein wenig engpass, der mich dicht an den strang zwingt (eingezäunte solaranlage(auch an dieser seite des weges)) und dann bin ich asphalten auf einer rastower einfallstrasse, die bahnhofstrasse heisst.
entgegen meiner natur durchquere ich den ort auf offiziellen strassen abzweigend vom strang. das liegt daran, dass ich beim bahnalen vorbeifahren gesehen habe, dass mein favorisierter direkter weg durch rastow von einem grundbesitzer elektrozäunig verwehrt ist.
aber auch das ist schön: so erfahre ich, dass rastow einer der wenigen orte in neumeckelenburg ist, der noch einen konsum (supermarkt) hat.
und auch einen dorfteich gibt es. und als ich an dem vorbeie steht die spätmärzsonne so, dass sie eine gruppe ziemlich grosser fische für mich beleuchtet. das find ich super! ich halte sie für graskarpfen, den grössten schätze ich auf 15 pfund. sehr geil!

am ortsausgang rastow wieder ein bahnübergang den ich aber nicht nutze weil ich vor ihm schon zum strang mich wieder wende und rechts von diesem in letztjahrestreckerspuren wieder mal über noch unbestelltes feld wieder mal wald erreichen kann. kollegenfolgezug fährt an mir vorbei und sagt mir, dass zwei stunden seit aufbruch vergangen sind und noch 66minuten verbleiben bis der heimreisezug in lüblow hält. scheiss gerechne, aber das bleibt einfach nicht aus in meinem hirn…
ich hab noch gut drei kilometer vor mir, alles gut…

im wald gibts schönes licht an diesem tag und wunderbare vogellaute ruhe.
dabei müsste doch eigentlich die autobahn zu hören sein, denke ich plötzlich: a24 kreuzt in km 41,7 den schienenstrang, aber ich höre sie nicht! erst als ich durch den kleinen wald auf einen spannend gepflasterten wirtschaftsweg ins freie trete ist sie da. aber immernoch ungewöhnlich leise! ich sehe schon ihre brücke, aber fast kein fahrzeug darauf. was ist los? hat etwa ein virus den verkehr lahmgelegt? eine seuche? eine ausgangssperre? ein produktionsstop für unnötige produkte? ein reiseverbot für touristen? na das wär ja was!
auf besagtem spannend gepflastertem unter besagter kaum befahrener hindurch bewege ich mich nun in strahlender sonne aus blaustem himmel ohne flugzeuge auf den härtesten teil meiner heutigen reise zu: den hügel!
der pflasterweg entzieht sich dieser herausforderung und zweigt vor ihr hinter der autobahnbrücke rechtwinklich nach westen ab und lässt mich ganz alleine auf vorjahresmaisernteresteacker alleine mit dieser steigung! alleine…
ich schätze mal, dass ich auf 300meter 5höhenmeter erklimmen muss! und danach auch wieder runter!
harte nummer! aber danach bin ich wieder in der zivilisation, sprich: in lüblow. schweissgebadet zwar aber auch stolz! durchquere ich hocherhobenen hauptes die nördlichen ausläufer dieser südmecklenburger siedlung und bin begeistert von mir und meiner leistung ca. 15minuten vor eintreffen des heimreisegefährts an dessen haltestelle.

aber dann bin ich plötzlich nicht mehr allein: da is einer! in lüblow! 15minuten vor zug! unglaublich…
und der typ is´ richtig kacke!
im wartehäuschen (dreiseitig verglast, wetterseitig offen mit metallenem sitzmöbel) sitzend zwingt er mich am ende des bahnsteigs meinen ü40-hocker aus dem rucksack zu holen: ich will auf gar keinen fall mich nach diesem tag neben jemand setzen.
nachdem ich am bahnsteigende mich gesetzt will ich mir die gemachten fotos ankucken und nehme eben die kamera in die hand…als kacketyp angerannt kommt: “Du keine Fotos!!! Ich nich Foto!!!”
ihm zu erklären, dass ich keine fotos machen will, merke ich bald, hat keinen sinn: er versteht kein wort. also packe ich das gerät in den rucksack: “is juut, reg dich ab!” nix verstehen aber gehen, gut so.
dann will ich am diensthandy rauskriegen, wer denn den zug fährt, in den ich gleich einsteigen will. und, ihr ahnt es schon: “Du nich Telefon! Ich nich Telefon!!!” ohmann! leck mich! der typ is ziemlich klein und ich kann ihn nicht einschätzen; aber er ist auf jeden fall nicht nüchtern und wohl auch nicht betrunken…keine ahnung, was der intus hat…es wird ´ne lange viertelstunde und ich habe kein foto vom nachhausbringenden zug…

fazit

wenn man einen tag zeit hat und die felder noch nicht bestellt sind ist dies eine wanderung, die man gut an einem schönen sonntag vor kaffee und kuchen machen kann

fazit 2

wenn die felder schon bestellt sind, sollte man hier nicht langwandern: zu wenig weg und vielleicht ein grimmiger bauer?

fazit 3

17 kilometer eben gradeaus – fitnesstechnisch eher was für jogger, wenn denn die felder noch nicht bestellt sind…

und was hat das jetzt alles mit dem weissen hirsch zu tun?

als ich vor jetzt ziemlich genau einem jahr meinen bahnalen dienst in wismar antrat und meine wirklich tollen kollegen und kolleginnen mein interesse an der heimatlichen natur bemerkten erzählten mir gleich mehrere unabhängig voneinander von einem weissen hirsch, der seit kurzem immer wieder zwischen sülstorf und rastow gesehen wurde, wohl meinend, dass mich das sehr interessieren würde. und damit hatten sie natürlich recht! und ich hielt ausschau nach diesem seltenen tier, jedesmal, wenn ich fuhr durch diese gegend. und entdeckte ihn tatsächlich ziemlich bald, den weissen hirsch…
nur ist es keiner! ein mädchen ist es, vom stamme “damm” also ein dammreh (sagt man so?) aber auf jeden fall auch für mich ein noch nie zuvor gesehenes weissbefelltes rehtier, eine echte schönheit!
pigmentgestört ist wohl der fachbegriff, “wunderschön” der des laien oder des kollegen, “einzigartig” “unglaublich” und “cool”; auch für mich!
und so fand ich es denn auch sehr schön, auf meiner wanderung gleich zwei tage nacheinander in seinem (ihrem) revier unterwegs zu sein.

und hab tatsächlich ein foto hingekriegt! zwar fotografisch nicht besonders wertvoll, aber dokumentarisch schon! man beachte auch die rehkolleginnen, die man eigentlich gar nicht sieht…

und was ist, wenn genau dieses tier mir vor den zug springt? ich glaub´, das kriegte ich niemehr raus aus meiner biographie!

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