08-11-06

niemals glas im rucksack! ist eine der wichtigsten regeln des wanderers, darum wird frisch gekaufter rum immer sofort in trinkflaschen umgefüllt. und wenn der wanderer einen schluck wasser trinken möchte, sollte er genau aufpassen, zu welcher flasche er greift!: purer rum ist kein vergnügen! überhaupt ist rum eigentlich ein getränk, von dem ich im normalen leben die finger lasse, selbst im tee schmeckt er fürchterlich in der zivilisation! hier im winterwald allerdings ist er das unangefochtene getränk nr.1. anfangs noch im tee, inzwischen eigentlich nur in heisses wasser gekippt ist er das sahnehäubchen auf jedem lagerabendeis. kippt man ihn in kochendes wasser, verfliegt der alkohol und er schmeckt nur noch. kann man machen…
aber wie gesagt, auf keinen fall pur trinken! und schon gar nicht als erste aktion am morgen! …noch sehr lange ist mir übel übel!

lagermorgen an schweineaushubfeuer tot rum allezeltschildköte testudo tentoriolum franzversteckt im wald

es ist märklich kälter geworden, so kalt, dass ich mich an diesem morgen in die unternullgradhose entscheide.
einpacken ist nicht leicht, wenn man kein gefühl mehr in den fingerspitzen hat. also müssen die immerwieder in die tasche oder an die heisse tasse. dementsprechend länger dauert heute diese allmorgendliche unangenehmste tagestätigkeit.
das feuer ist erfroren. es liegen noch zwei starke tannenstücke auf dem glutherd, aber der ist tot: normalerweise übersteht meist ein kleiner rest unter der oberflächenasche die nacht, diesmal nicht. wenn man irgendeine flüssigkeit darauf gibt, fängt es an zu qualmen, wenn noch irgendein restleben im feuer ist. ich spucke eine menge aus der falschen flasche darauf und es tut sich nix. tot.

wir finden kurz unterhalb unseres lagers einen seltenbenutzten weg: das sieht man daran, dass die spurenkuhlen noch erahnbar aber nicht stärker vereist sind, als ihre umgebung, nicht so stark verdichtet wie auf hauptwegen.
und die wildschweine haben vom angrenzenden feld bis in den wald auf der anderen seite ihre futtersuche an vielen stellen einfach durch den weg gegraben, ohne ihn als widerstand oder hindernis oder sinnlosen suchgrund zu betrachten. das läuft sich ziemlich bescheiden!
irgendwann gibt´s einen stärkeren weg, der auf unseren mündet und wir nehmen den, weil er sich einfach besser begehen lässt. hier haben wir wenigstens noch den mittelstreifen zwischen den kuhlen, der einigermassen sicheren halt den schuhen bietet. er führt durch hügeligen moorgrund und durch eine ca. hundertmeterbreite entbaumte wiesentrasse auf einen noch stärkeren, den wir für den gestern verlassenen asphaltierten hauptweg von demen nach weitendorf in seiner fortsetzung halten und einfach nehmen.
eine auf standardmass 3m geschnittene und so, dass sie problemloses absetzen der rucksäcke ermöglicht am wegesrand abgelegte baumgruppe lässt uns pausieren. es ist schon schön, wenn man einen platz findet, der in hüfthöhe einen ebenen teil hat, an den man sich lehnen und seinen rucksack daraufstellen kann. der steht dann da und kann ohne anheben wieder aufgesetzt werden. eigentlich immer, wenn wir so einen platz finden, nutzen wir den dann auch zur pausierung. dieser hier liegt an einer kreuzung mit einem ebenso breitem wie unserem weg und ich interprätiere unsere karte falsch und wundere mich nur wenig, dass in sichtweite ostwärts der wald endet.
wenig später tut das auch unser für den richtigen gehaltene weg: enden! also eigentlich tut er´s nicht wirklich, er macht nur unverhofft eine 90gradwendung an des waldes ende vor einem feld. in die falsche richtung, zu einem ort, den man schon von hieraus sehen kann. ich halte ihn für kobrow und will danicht hin. in die andere richtung am abzweig, also -90grad, gibt es noch einen erahnbaren pfad, den ich für unser vorhaben, morgen in weitendorf anzukommen richtungsweisender halte und für den wir uns deshalb entscheiden.
er endet an einem hochstand, bietet aber die möglichkeit, auf´s vorgelagarte feld und den da rundherum gefahrenen erntemaschinenweg auszuweichen. nur ein paar schritte aus dem wald auf´s feld.
da laufen wir dann lang und hoffen auf einen aus dem unwegsamen baumbestand auf´s feld führenden feuerwehrpfad: es gibt da nämlich so´ne verordnung, die besagt, dass alle ?meter ein weg durch nicht naturgeschützten wald führen muss, damit die feuerwehr im brandfall ans löschziel kommen kann.
natürlich kann so ein weg auch parralel zum waldrand verlegt werden: so ist das hier und es gibt keinen in oder ausden wald.
aber es gibt eine stelle, von deraus wir so einen weg im wald sehen können und wir laufen weglos dahin vom feldrand durch viel unterholz und mischwaldlaub, an wiederum sehr tiefen wildschweinaushüben vorbei. so viele so tiefe löcher hab´ ich vorher nicht gesehen, zumindest nicht nicht von menschen gebuddelte.

eisgrauer hügelmorgenblasser waldes ist ein kreuz mit dem eissitzaus dem wald auf den erntemaschinenwegblick zurück zum wald aus dem wir kamen

so, und jetzt hab ich mir mal durchgelesen, was ich da grade geschrieben hab, und festgestellt, dass rotweintrinken schachtelsätze macht!
aber wie soll man einen tag wandern durch menschenleeren wald beschreiben, ohne zu langweilen oder zu übertreiben? genau das hab ich wohl ein glas zu lange überlegt…?
aber was solls, jetzt stehts da…

der tag wäre fast ein weiterer geworden, an dem wir keinem einzigen menschen begegnen. aber da gibt es ein nicht mal 100meter langes stück asphalt als wir aus dem wald heraus kommen und dann gleich wieder nordwärts in ihm verschwinden.
lange ist da kein fahrzeug unterwegs gewesen, das hätten wir gehört. aber genau jetzt treffen sich da gleich zwei! beides “pajeros”! genau vor dem schild, dass besagt, dass hier der naturpark sternberger seenland beginnt und genau zu dem zeipunkt, als wir den betreten. und beide halten an, und ihre fahrer beäugen uns misstrauisch(?).
logisch kommt uns einer hinterhergefahren! ganz langsam, eigentlich kann man auf diesem eis gar nicht fahren! aber so´n schicker autobahnpajero macht halt vor nichts halt.
erstaunlicherweise auch nicht vor uns. er fährt langsam zwischen uns vorbei, und der fahrer erzählt irgendwas von schlechten wegen, verstehen wir nicht so genau und ich antworte nur “läuft sich scheisse!”
er verschwindet vor uns in einem seitenweg und kommt uns 5minuten später wieder entgegen. was war das jetzt für´ne aktion? na jedenfalls weiss jetzt wer, dass wir hier sind. und da es schon dämmert wird er sich auch denken können, dass wir hier irgendwo ein lager aufschlagen wollen. und wir können nur hoffen, dass ihn das nicht interessiert.

nach einem kleinen anstieg öffnet sich vor uns eine wiese, die sich zum wustrowsee verneigt. wir gehen da runter und finden recht bald einen wunderschönen platz im gehölz am ufer des gefrorenen gewässers. der see ist eine echte augenweide mit seiner weissen unbewegten oberfläche und dem gelbbraunem schilfrand vor lichtem wald bei minus 2grad und absoluter stille in der beginnenden blauen stunde.
ich mach erstmal gar nix und stehe nur da und sauge energie aus diesem augenblick,´ne gute halbe stunde lang…
franz dagegen verblüfft durch unerwartet konsequente aktivität: ratzbatz hat er wieder seine plane zum zelt gemacht und nebenbei auch noch feuerholz zum kegel gestapelt! und als ich dann endlich auch meine plane spanne, brennt es schon!

dies ist nun der letzte lagerabend und es wäre schön, heute alle vorräte zu vernichten. wir haben zwar eine riesenmenge wasser vor uns im see aber nur gut fünf liter im wassersack. das eis zum wasserholen zu zerschlagen erscheint uns angesichts der fulminanten stille rundherum als keine gute idee und wir beschliessen, das erst morgen für den frühstückskaffe zu tun.
erstmal lüfte ich mal wieder eins von grossmutters geheimnissen. diesmal heisst es jägertopf und schmeckt beschissen! und hinterher is´mir auch noch richtig übel! und als ich mich auf meinen hocker setzten will, um das rauszukriegen bricht der zusammen! das plastikteil, dass die drei blechbeine mittig zusammenhalten soll platzt einfach auseinader! bin ich so schwer geworden? aber es ist wiedermal einfach nur wegwerfgesellschaftspfusch! und ich bin wiedermal leicht sauer, dass so ein mist hergestellt wird! und wohl noch ein bisschen saurer, dass irgendwer diesen scheiss dann auch noch kauft!
franz sagt: “gib her, ich reparier das!” und wickelt starke schnur um die bruchstelle. aber richtig funktioniert das leider nicht und ich sitze recht wacklig und tief vorm feuer.

für unsere wasservorräte haben wir eindeutig zu viel restrum. wollen den aber unbedingt loswerden und erhöhen deshalb die dosis in den tee! schmeckt nicht gut und macht doof im kopp! aber das merkt man irgendwie immer erst am nächsten tag, und darum feiern wir heute einen ganz feinen abend mit richtig wichtigen gesprächen. unteranderem erörtern wir aus gegebenem anlass die frage, ob der menschliche körper bei kälte mehr ohrenschmalz produziert.
“also früher war´n die talgdrüsen grösser und die haut hat mehr fett produziert, aber das haben wir durch unsere heizungswärme wohl verlernt”
“hää?”
“naja, deshalb müssen wir uns eincremen und sowas alles.”
“hää?”
“..eincremen..”
“schon klar, war´n scherz, weisst schon: ohrenschmalz…”

“also ich denk´, das kann schon sein, dass man bei kälte mehr davon hat. schutz und so…”
“na denn is´ja gut, leuchtet ein, irgendwie”


“und was ist mit nasenhaaren?”…

sehr sehr schön dieser letzte abend und wohl auch sehr lang: keiner von uns beiden erkennt noch die uhr!
gute nacht.

lagerabendselfie aus franzens kamera

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