ersteklasse

mal wurd ich eingeladen

zu einer bahnfahrt in der ersten klasse!
zum ersten mal in meinem leben!
von meinem chef!
und ich fand das gut im vorfeld und war verdammt aufgeregt, so priviligiert reisen zu dürfen…
und hatte dann eine sehr angenehme fahrt im obergeschoss des doppelstockzuges von schwerin in die deutsche hauptstadt. sehr angeregte produktive diskussionen fanden statt, die lande flogen wunderschön untermalend sonnenaufgängig durchs fenster vorbei, kaffee wurde gereicht und leichtes gebäck. circa alle halbe stunde kam das zugpersonal vorbei und erkundigte sich freundlichst lächelnd nach unserem befinden und wurde von uns stets ebenso vom sehr guten selben unterrichtet. sehr sehr angenehm und wohltuend.
naja, ein wenig nervend war das schon, dass die da so oft aufgetaucht sind und uns in unserer arbeit unterbrochen haben, aber das ist halt ihr job und das akzeptieren wir. einmal hab ich aber instinktiv aus unserer diskussion heraus ein wenig “geknurrt” und bös in die richtung des personals einen generveten blick geworfen, einen von denen, die ich im firmenseminar “Repekt und Dominanz” gelernt habe. kommentarlos blieb mein chef, aber ich bin mir ziemlich sicher, ein ganz winziges lächeln in seinen mundwinkeln gesehen zu haben! ganz sicher!
ausser uns sass bis neustadt nur ein fahrgast im priviligierten abteil, ab da wurden es einige mehr und als der zug in der ersten station in berlin, in spandau hielt, wurde es kurz ein wenig unruhig: mehrere personen durchliefen das abteil, offensichtlich nicht ganz bei der sache so früh am morgen…aber schnell erkannten sie ihren irrtum und verschwanden wieder in ihr revier, eine etage tiefer.
nur einer nicht, der setzte sich direkt hinter uns! und holte ein bier aus seiner tasche und wollte grade daraus trinken…! jedoch das wirklich aufmerksame zugpersonal war schnell vorort und unterband diesen frevel und wiess die person in ihre schranken.
nach unten.
das war grade als wir feststellten, dass das wetter gestern besser war, als gedacht: viel sonniger, fast schon zu warm für diese jahreszeit.
die komplette fahrt über ist keine peinliche gesprächspause entstanden zwischen mir und meinem chef und ich fühle mich grossartig!

aber alles schöne geht mal vorbei und so nähern wir uns unserem ausstiegsbahnhof, ziehen uns die jacken an, bereiten unsere rollkoffer für den ausstieg vor, kontrollieren noch unsere sitzplätze nach eventuell übersehenem rest unseres hiergewesenseins. wir wollen ja keinen schlechten eindruck hinterlassen, schliesslich wurden wir ja gut behandelt hier.
unsere kaffebecher und die sechs piccoloflaschen ( ja, die ham wir uns gegönnt!) lassen wir einfach stehen, wo sollen wir auch hin damit…
das zugpersonal wird die entsorgen, dafür ist es ja wohl auch da, haben wir ja ausserdem auch bezahlt mit unserem ersteklasseticket.

doch dann der schock: in der etage unter uns stapelt sich die allgemeinheit: vielmehr mensch als vom deutschen amt für diesen zug zugelassen drängelt sich im beengten raum und stösst sich ellenbogen in hüften, tritt mit füssen auf fremde, starrt in ausschnitte, hustet in nacken, stöhnt vor hitze, ängstigt sich vor nachbarn, schwitzt. und riecht. “wann sind wir da?” flehen kinder, “das dauert noch!” antworten elternteile in die richtung der frage. sehen ihren nachwuchs nicht, haben ihn aber fest in der hand: “bald! bald! hoff ich, bald! is nich mehr weit, halt dich gut fest an mami, bald sind wir in der kita” bauarbeiter in arbeitskleidung reiben sich an sekretärrinnenkostümen, restalkoholdunst mischt sich mit zu fett aufgetragenem parfum, knoblauchschwaden wabern, einer furzt und beschwert sich beim nachbarn über den gestank, siebzig handys klingeln, ein portemonnaie wird geklaut, achselschweiss gelbt sich durch hemden, fussgeruch entweicht dem sicherheitsschuh, mundgeruch dem gegenüber in die nase und ein fahrrad steht quer vorm ausgang.
alle wollen zur arbeit!, alle müssen geld verdienen, damit sie sich diese fahrt zur arbeit leisten können, alle freuen sich auf den heimweg, wo sie sich dann alle wiedersehn. und hör´n, und riechen.
und dann hat jeder seinen beitrag dazu geleistet, dass alles so weitergehen kann, dass alles so bleibt, wie es ist, dass alle ihr auskommen haben, dass alle morgen früh wieder da sein können, dass alle alle sind.

naja, jeder, wie er´s braucht, jeder, wie er kann.

“Hallo! Bitte machen sie Platz! wir müssen hier raus!” nach dieser produktiven fahrt gehe ich selbstbewusst meinem chef voraus durch die unteretagigen massen und bahne ihm den weg. “Hallo! Wir haben es eilig! Machen sie bitte Platz!”

einer hat sich nicht unter kontrolle, er ist wohl krank und hustet sehr stark. ein teil seines auswurfs landet auf meinem neuen extra für diese fahrt angeschafften anzug! fast sieht es aus, als spücke er mich an!

“Nicht aufregen,” sagt mein chef: “das bereinigen wir!”

 

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