klar chef! gerne doch!

jetzt geht das wieder los:

es wird warm. jetzt kommen wieder diese langen lauen abende, die er früher so geliebt hat. die abende, die man immer draussen verbringt, die nicht aufhören und erst wenn´s wieder hell wird nicht mehr abend heissen. und er zieht sich die decke über den kopf und will davon nichts wissen. er geht nicht raus, es ist einfach nichts da, wo er hingehen kann. es hat in diesem jahr recht lange gedauert, es ist schon mai. aber wenigstens sind die touristen noch nicht da und er muss sich nicht diese feierei anhören die ganze nacht. im fernseher läuft eine reportage über udo lindenberg, der wird 70. einer seiner helden eigentlich. aber spass macht das heute nicht, den zu sehen. den helden, der wie phönix aus der flasche wiederauferstandene, der einfach sein ding macht. scheiss sprüche!
heimlich schleicht er zur sparbüchse seines 8jährigen sohnes und klaut ihm drei euro und geht dann doch noch raus: bierholen.
als er wiederkommt vom türken, dem er mit zitternden händen das geklaute geld gegeben hat setzt er sich kurz zum beklauten ans bett und streichelt seine stirn. mit den selben zitternden händen. armes ding!
dann ist mitternacht und er weiss, dass er in sechs stunden wieder aufstehen muss um seinen job zu machen. drei bier will er noch trinken bis dahin und dann auch noch schlafen. auf seiner durchgesessenen couch. die ehefrau liegt alleine nebenan im ehebett, seit jahren. er schnarcht sagt sie und deshalb kann er jeden abend vor der glotze einschlafen. die leeren bierflaschen versteckt er immer unter der couch, wenn er´s noch schafft. der sohn soll sie nicht zählen können.
ohmann, jetzt fangen die scheiss nachtarbeiter draussen wieder an, die strassenbahngleise zu schleifen! scheiss krach die ganze nacht. aber er hat sich daran gewöhnt, damit zu leben: is immer krach hier, 24 stunden lang. scheiss stadt! scheiss leben! dabei liebt er es eigentlich, das leben. er hat bloss keins! denkt er als er das zweite bier aufmacht und die dritte zigarette in 10 minuten anzündet und hustenkrämpfe kriegt und den ersten schluck der neuen flasche vor sich auf den teppich würgt. bisschen mit den socken verteilen, dann sieht das keiner. is sowieso egal, sieht eh scheisse dreckig hier aus.
heute ist der erste mai, eigentlich ein zusätzlicher freier tag. aber es ist sonntag und deshalb drauf geschissen! auf der strasse vor seinem fenster stehen zwanzig bullenwannen voller knüppel und kanonen in bereitschaft. zu seinem schutz. die dämlichen blaulichter blinken die ganze nacht.
am donnerstag ist schon wieder so ein tag, diesmal aber wirklich frei. himmelfahrt. christenscheisse, aber frei. da könnte man freitag blau machen und vier tage irgendwohin fahren, wo´s schön ist.
aber der sohn hat ´ne katze, die er nicht alleine lassen kann, seine katze! und er kennt keinen, der sich um sie kümmern könnte. also fährt er nicht weg und bleibt da, wo er immer ist. wahrscheinlich wird er wieder sagen, dass ihm irgendwas weh tut und auf der couch liegenbleiben. und glotze kucken! und nur zum bierholen aufstehen, falls er irgendwie an geld kommt. und freitag wieder zur arbeit gehen, obwohl die da schon seit zwei monaten keinen lohn mehr zahlen. “wir haben da grade so´ne kleine krise, aber wir stehen das durch wenn ihr alle mithelft!” und auf euren lohn verzichtet. klar chef! gerne doch!

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